Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang

 

von René Pollesch

 

 

Wir empfehlen: „ich schau dir in die augen, gesellschaftlicher verblendungszusammenhang!“ Jan Deck, Sarah Dellmann, Daniel Loick, Johanna Müller (Hrsg.) testcard-Theorie/Ventil Verlag 2001

 

 

 

Einlassmusik

Luther Vandross

 

Vorhang zu.

Fabian bewegt den Vorhang.

Stab kommt auf den letzten `STOP` in der Musik.

Hemd hoch rollen.

Wenn der Stab zu sehen ist Musik aus. 5x schnell 3x mit Pause.

 

Das Spiel ist kein Schatten des übrigen ernsten Lebens.Rita Tobias one two one two three four

 

Thats the joint

Vorhang halb auf

Rumrennen, ausziehen

Bindfaden

Blumen und Tücher holen und verteilen

Präsentationen der Objekte (Schlagzeug, Klavier…)

 

Auf Fabs Zeichen Musikwechsel

Shorty

Pumphose an und Tücher aus der Hose ziehen

 

Musikwechsel

Tragedy

 

Zeitgenössischer Tanz mit schwarzem Tuch

 

Maskenspiel

 

NurejevKostüm

 

 

Das ist kein interaktives Theater. Es sieht zwar so aus, mit den Sitzkissen und dem Zeug, aber es handelt sich hier nicht um diese widerliche Kunstform der Geselligkeit.

Das hier spricht auch nicht für alle. (weist auf seinen Körper) Das ist ganz klar ein weißer männlicher Heterosexueller, der hier spricht, von einer Plattform, die auch nur ihm gehört, und keinem Hund, keiner Kakerlake und keinem sonstigen Zeug.

 

Talent

Talent

Talent

zuviel Talent.

Talent

Talent

zuviel

Talent.

Viel zuviiiiiiel zuviiiiiel Mikro holen

Talent.

 

Applaus, Stöhnmoment

 

In diesem Raum steckt wahrscheinlich eine andere Kommunikation, eine andere Kommunikationsform als wir sie kennen. Diese Kommunikation könnte vielleicht darauf bestehen, auf dem beruhen, was wir nicht teilen. Das, was wir hier normalerweise teilen, können wir ja auch nicht teilen, aber das fällt uns nicht auf. Das ist der Verblendungszusammenhang.

 

Rita-Tobias! Tusch!

 

Musik.. Tusch

 

Was teilen wir denn mit der weißen männlichen Hete (versteckende Geste), die hier vorne spricht? Spricht die für die Kakerlaken oder wenigstens mal zu denen hin? Ist die plural aus einer reinen Behauptung? Oder könnte die auch singulär plural sein? Wie kann ihre Singularität Plural sein? Spricht die zu der Welt hin oder nur für die Welt? Was heißt denn: zu ihr hin? Was an ihr ist Welt? Und wo ist ihr Wirklichkeitsbezug?

 

(Dosengelächter oder Tusch)

 

Das interaktive Theater war ein jahrzehntelanger Terror. Eine widerliche Kunstform der Geselligkeit. Aber man kann nicht ihm allein den Zustand katastrophaler Kommunikation anlasten, denn überhaupt stellt das Auditorium jedes Theaters eine schreckliche Form der Gemeinschaft dar, die glaubt einen Sinn zu teilen und die Gesellschaft als eine Sinngemeinschaft zu verstehen, und die für Kommunikation hält, sich dauernd einen abwesenden Sinn mitzuteilen. Der Anspruch der humanistischen Rede ist es, zu fordern, oder vorzuschlagen, den Sinn wiederzufinden. Man sagt damit, dass man wüsste was Sinn wäre, wenn er erstmal da wäre. Aber es gibt vielleicht keinen anderen Sinn als uns. Als das hier (sich zart kratzen, versteckende Geste). Stattdessen suchte man im Theater die Gemeinschaft in einer Verständigung, in Bildern über die Beziehung zu Gott in der Antike, zur Welt in der Neuzeit, und in menschlichen Beziehungen in der Gegenwart. Die menschlichen Beziehungen gehen dabei anscheinend um eine Abwesenheit von Sinn. Wie wäre es also mit einer Verständigung über eine Andere Form von „mit“, mit einer „Gemeinschaft der Ungemeinschaftlichen?“

 

Es gibt andere Kunstformen der Geselligkeit. Aktiv sein muß nicht automatisch gut sein und nicht aktiv sein nicht automatisch schlecht.

 

Warum gibt es keine andere Form von Geselligkeit?

Sie werden sich vielleicht eines Tages gesagt haben: Ich werde in ein interaktives Theaterstück gehen.

Und ich sage Ihnen: Versuchen Sie es mit einem interpassiven. Und Sie: Interpassives Theater? was soll das sein? Das interpassive Theater, das Sie bereits kennen, wäre zum Beispiel, der Schauspieler geht am Ende der Vorstellung mit Ihrer Verabredung, Ihrem Partner nach Hause. Dann müssen Sie das nicht tun. Sie denken zwar, Sie wollten das. Aber wir verkennen oft den tödlichen Gehalt unseres Glücks. Die Erlösung und das Seniorenheim verbindet die Verkennung ihres tödlichen Gehalts. Und unser Glück. Unser Glück verkennt seinen tödlichen Gehalt.

 

Wo berühren sich die Interpassiven? Wenn der Schauspieler nach der Vorstellung mit Ihrem Partner nach Hause geht, dann müssen Sie das nicht tun! Sie delegieren etwas, von dem Sie glauben, es ist immerhin Ihre Realität, es wäre Ihr Leben und schließlich Ihre Gefühle, und die Rührung mit der Sie noch bei Beginn der

Vorstellung in die Augen Ihres Partners gesehen haben, an das Kunstwerk, an den Schauspieler. Das kann auch ein Chor der Antike sein, aber das kann auch der Schauspieler sein hier. Das ist Interpassivität. Oberflächlich

sieht es so aus, als wäre es immer noch interaktives Theater. Jedenfalls für Ihren Partner, der dann mit dem Schauspieler essen oder ins Bett geht.

 

Sie haben das Rendez-vous delegiert, Sie müssen das, was Sie lieben nicht mehr selber machen.

 

Hier geht es um Arbeitserleichterung. Ja, gut, die meisten denken, im Theater sollte es nun ausgerechnet nicht um Arbeitserleichterung gehen, deshalb hat man das interaktive Theater erfunden, damit alle arbeiten. Das was geteilt werden soll, muß mit Blut und Schweiss und Tränen versorgt werden weil es einen naiven Gläubigen im Publikum gibt, der in Drecksarbeit verwickelt ist, oder keine Arbeit hat, aber der ist gar nicht hier. Für den soll das aber stattfinden. (ans Schlagzeug I want to break free) Natürlich gibt es Maloche,und natürlich muß man darüber sprechen. Und warum ist der Ort vor einem Theatervorhang(aufs eigene Kostüm = bunte Jacke, deuten, auf den Wagnervorhang), denn nicht der richtige Ort um über Maloche zu sprechen?

 

Der jahrzehntelang herrschende Terror des interaktiven Theaters bestand darin, Dinge erleben zu müssen, die man nicht erleben wollte. (Zahnbürstnemoment) Das interpassive Theater könnte nun im Gegenteil darin bestehen, Dinge nicht zu erleben, von denen man dachte, dass man sie erleben wolle. Zum Beispiel die wiederholte Sendung des Lieblingsfilms im Fernsehen. Meistens programmiert man dafür seinen Videorecorder (Gang zur Gitarrentasche, „Pollesch“-Schriftzug abdecken) um sich den Lieblingsfilm irgendwann später einmal anzusehen. Aber vielleicht haben wir das bereits, ohne es zu wissen, an den Videorecorder delegiert.

 

Der sah nämlich unseren Lieblingsfilm bereits für uns.

 

Und wir (SINGEN:)

sind vielleicht endlich von den Dingen befreit, die wir liiiiieben.

Und alle!

 

Und wir

sind vielleicht

endlich von den Dingen befreit, die wir

ja wir

die wir liiiiieben.

 

Akordeon Moment

 

S´il vous plaît medammes et Monsieurs.

 

Das Leben ( Kurzform oder langform)

 

 

(ev. sagen: „Von Stille bewegt, da sieht man hin, da horcht man auf.“)

 

Das ist Hemingway (auf den Boden fallen)

 

Wie schön, als Hemingways Sohn wie ein Buch im Knast aufgeschlagen war.  Als eine Frau. Das ist Hemingway. Das sind die Geschichten, und nicht das Können, das nur eingeübt ist in Wahrheit. In Rechenschaft. Wir müssen nicht entdecken wer wir sind, wir liegen da wie Hemingways Sohn als aufgeschlagenes Buch, nicht in einer Bibliothek, in einem Gefängnis. Nicht als Mann, sondern als Frau. Nicht als Geist sondern als Erfahrungen der Körper.

 

Die Körper, die ich liebe, werden vor mir versteckt. Das ist meine Erfahrung. Fabriken, Gefängnisse, oder einfach Betten, in denen das, wofür es keine Sprache gibt versteckt wird. Irgendwie riechen das die Körper und suchen diese Orte auf.

 

Es ist eben dein Körper, der soviel Hass

erweckt. Keine deiner Handlungen und Gesten erweckt soviel Hass wie dein Körper. Und was sind die dann? Die man versteckt, die Hass hervorrufen, von denen man sagt, dass sie sich regenerieren? Und das ist der Kampf, der immer verkannt wird: Es gibt keine Wörter für das hier! (zeigt auf seinen Körper) Man könnte jetzt die Gemeinsamkeiten so verschiedener Sachen (wie wir hier) als ihr Wesen verstehen, aber ich denke nicht daran! Es gibt kein Wesen! Und es spricht auch nichts vom Wesen.

Ich wusste es, Kafka war mir immer zu arrogant! Wie konnten mich seine biographischen Kenntnisse darüber derart blenden/im Unklaren lassen? Ich war verblendet! (TUSCH!) Er sah devot aus wie ein Schwein,(Dosengelächter!) aber er war arrogant wie ein Werk! Er sagt immer nur „es gibt ein Wesen“! Und deshalb müssen wir Kafka entwerken! Es gibt kein Wesen. Und es spricht auch nicht vom Wesen.

 

Unsere Seele ist draußen. Weg mit diesem Gebräu da in uns drinnen! Das wir für uns halten. Nicht dieses russische Gebräu am Samowar, der auch nur innen warm macht. Das ist gar nichts, da drinnen. Wir sind eine Außenbeziehung unseres Körpers mit sich selbst. Da sind wir, wo wir an uns kratzen, Beißen, stöhnen, kneten, bürsten, wichsen, wichsen, wichsen, aber nicht nebeneinander und nicht nebeneinander sitzen. Und die Haut löst sich, und kein Plan von Haut bringt die wieder, und was dann kommt ist Haut 2 und dann kommt Haut 3. Wir regenerieren uns nicht, wir werden. Das wird nicht neu und nicht alt, das wird einfach. Da geht auch nichts verloren im Tod. Das heißt, das wird dann einfach nicht nicht mehr. Und es ist auch nicht so, dass sich da nicht nichts mehr regeneriert. Es w i r d auch nur. Es wird dann eben etwas, das wir uns als Tod erzählen. Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst. Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst. Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst. Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst. Da drin in eurer Seele findet ihr überhaupt keine Beziehung zu irgendwas da drinnen. Noch da draußen.

 

SPRAY  HOLEN

 

Diese Stimme kommt von keinem Ursprung, und von keiner Mutter. Die hab ich verabschiedet letzten April. Mein gott, war das schön, mit Dir, du Mutter. Ich war ganz und gar in deine Haut vertieft und in deine Hand wie es sie noch nie gab, das war ja nicht die Hand die mich gefüttert hat, und ich musste mir auch nicht das konstante Drama davon erzählen, dass eine Hand immer die gleiche ist. Nein, eine die mich füttert, und eine die stirbt, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Wir müssen sie nur Hand nennen, weil wir uns unsere Herkunft und unsere Gegenwart nicht als instabil erzählen können. Das war was anderes

 

Spray Hand malen

 

(Ans Schlagzeug gehen)

Was für eine katastrophale Form der Gemeinschaft! Was für eine widerliche Kunstform der Geselligkeit!, die glaubt, einen Sinn zu teilen! Es gibt doch eine Gemeinschaft, die geht!

Was teilen wir denn mit der weißen männlichen Hete, die hier vorne spricht? Spricht die für die Kakerlaken oder wenigstens mal zu denen hin? Ist die plural aus einer reinen Behauptung? Oder könnte die auch singulär plural sein?

Wie kann ihre Singularität Plural sein? Spricht die zu der Welt hin oder nur für die Welt? Was heißt denn: zu  ihr hin? Was an ihr ist Welt? Und wo ist ihr Wirklichkeitsbezug? 

Die muß sich doch erstmal erarbeiten, hier für alle zu sprechen. Aber bitte nicht durch Blut und Schweiß und Tränen (sprayt auf Hand, Achseln und Augen), diesem alten Zeug.

 

Schild 1971 runter

 

Im Gegensatz zu 1971 gibt es ja hier irgendwo noch deponierte Werte, die lassen sich ja nicht so einfach abschaffen, wie durch das Abkommen von Bretton Woods 1971, was übersetzt Bretton Hölzchen heißt, die Fixierungen der Währungen auf die Goldstandards.

 

Das gibt es ja noch: Wertedepots der Gesellschaften, obwohl die in der Finanzökonomie seit 1971 abgeschafft sind. Wie wir das hier (weist auf sich) denken ist seit 1971 abgeschafft. Das lässt sich nicht denken, das ist seit 1971 klar.

 

Ja kann sein, das das Leben zu kurz ist um darüber nachzudenken was das Leben ist. Und vielleicht hängt auch das damit zusammen: Das mir alles wie meine Kindheit vorkommt. Ich hör mich immer sagen: ich bin jetzt in dieser Wohnung seit zwei Jahren, seit vier Jahren seit 1971 und irgendwann werde ich davon reden, dass ich jetzt seit sechs Jahren hier sitze. Und es nicht fassen kann, dass dein Körper nicht hier ist.

 

Was soll das denn hier?

Wenn man sagt, dass sich das Politische und das Religiöse zurückgezogen haben, dann hat es sich auch aus dir zurückgezogen. Und dann muß man jetzt nicht so tun, als sei es immer noch da.

Wohin hat sich denn das Politische zurückgezogen?

Wo ist denn die realistische politische Erfahrung? Und nicht die retroaktive Selbsttäuschung? Die Vergangenheit und Zukunft kurzschließen will ohne was dazwischen.

Protestler zum Beispiel.

Erlebnisjugendliche die Autos anzünden.

 

Ihre Körper sind gar nicht da. Und mit ihnen hat sich auch das Politische aus diesem verräumlichten Zusammensein verzogen.

 

Vor allem: der Protest kommt nicht an die Gegenwart heran! Zwischen irgendwelchen vergangenen Protestformen, die sich panisch an eine Zukunft ankoppeln wollen, hinter diesem Werk bleiben die realistischen politischen Erfahrungen weg. Vielleicht weil sie nicht gemacht werden können, mit was auch? Die Körper sind ja nicht da, deren Erfahrungen die Seele sein könnten.

 

Aber der Körper ist der dauernde Protest.

 

Wie wir das hier denken, ist seit 1971 abgeschafft.

 

Das hier lässt sich nicht denken, das ist seit 1971 klar.

 

Adorno sagt, seit der Steinzeit nicht und ich sage seit 1971.

 

Licht aus Musik Tobias-rita Richard Foley

 

Feuerzeug und 1971 anzünden

 

 

Vorhang zu

Es bleibt dunkel

Feuerzeug

Mikro

 

Du siehst dir ein Tier an, oder das Innere einer Walnuß, und du entdeckst als erstes: das Innere der einen Walnuß und das Innere der anderen sehen gleich aus, oder zumindest ähnlich. Der Punkt ist jetzt, wenn du daraus eines dieser Bilderrätsel machen solltest wo es darum geht die Unterschiede zu finden, also ein Bild auf dem eine Szene dargestellt ist und ein anderes auf dem diegleiche Szenen dargestellt ist und du sollst entdecken, dass auf dem einen Bild jemand seinen Hut nicht auf hat und auf dem einen Bild ist der Stock länger als bei dem anderen. wenn du jetzt die zwei Walnusshälften zu diesen zwei Bildern machst, wirst du nach einer unendlichen zeit unendlich viele unterschiede feststellen können und du könntest am ende dieses unendliche tages nicht mehr davon sprechen, dass das hier dieses Bilderrätsel wäre, aber die Illusion, das alles, was wir als ähnliches empfinden dieses Bilderrätsel ist, die ist da. und die ist sogar unser Wissen, also wir handeln nicht einmal wider besseres wissen wie in einer Illusion. Wir werden mit dem Wissen vollgestopft, dass die Walnuß und die andere nach einem Plan gebacken wurden. Aber wenn man sie zu einem Bilderrätsel macht der Unterschiede, wird man schier verrückt. Das erklärt vielleicht auch, warum uns ein Körper nicht mehr genügt mit dem wir bis ans ende unserer Tage glücklich werden sollen, wir entdecken, es gibt keine ähnlichen Körper, das ist dauernd was anderes. Aber dich jetzt, du einzige wahre Liebe, werde ich nicht eintauschen durch einen weiteren Schwanz und eine weitere Vagina. Was ist das dann, die Liebe? Da ist das obszöne Wort Körper, das ihn immer als Fremden denkt, als etwas, das wir erkunden müssen. Aber es gibt kein Erkunden, es gibt keine Suche nach dem was wir sind, das taugt nur dazu Körper zu Fremden zu machen, oder Tiere oder so was.

Körper sind Fremde, immer und überall.

Die Wahrheitssuche macht den andern immer zum Fremden. Und die Wahrheitssucher werden immer die ähnlichen Körperlosen sein, weil sie nicht obszön sein dürfen, aber die Wahrheit ist obszön.

 

Clip: Spartakus

 

Räumt ein bisschen auf

 

Oh je, oh je, Warum…

 

Vorhang öffnen mit Geste

Reklamhefte von hinten holen und rumwerfen

 

Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,

Wie in der Göttin stilles Heiligtum,

Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,

Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,

Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.

So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen

Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;

Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.

Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,

Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,

 

Das Land der Griechen mit der Seele suchend;

Und gegen meine Seufzer bringt die Welle

Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.

 

(Musik aus)

Oh je welch ein ist über uns gekommen welch ein! Es ist als wenn ich Sie da, das hier, zum ersten Mal betrete. Sie da! Als kämen Sie woanders her als ich dachte. Es gewöhnt sich einfach nicht mein Geist hierher! Wie auch? Ich stehe hier, Land mit der Seele suchend. Aber da ist keine. Und die Körper hat man auch versteckt. Da ist keine Seele, keine ihrer Erzählungen passt auf diesen Körper. Keine Seelenwörter gibt es für die Erfahrungen dieses Körpers.

Ich klage! Ich klage! Auf dem einen Grund, der mir gewiß ist, und dieses Land und Grund wurde nicht von der Seele gesucht: Doppelpunkt. Es hat immerhin dazu gereicht nicht zurückgeliebt zu werden! Was wäre das denn? Daß sich die eine Übung in der andern Übung wiedererkennt? Wie auch nicht! Hier erkennt sich doch jede Übung in der anderen wieder.

Warum legen wir diese Erzählung und den Ausdruck und unsere Übung nicht zur Seite?

Das können wir ja gut: Den Ausdruck. Wo ginge es hier um das Fehlen von Ausdruck? Könnten wir es überhaupt sehn? Wir können uns nicht einmal in den Kämpfen wiedererkennen, die wir als Kämpfe verkennen. Ich verkenne dich als einen Kampf. Und was ich als Kampf kenne ist belanglos. Das hier ist der Kampf. Es gibt keine Sprache für das hier. Das hier ist nicht zu sehen. Das hier ist unsichtbar. Das hier ist nicht darstellbar und auch ein Zuschauerraum ist nur die Darstellung einer unwahren Gemeinschaft. Was für eine katastrophale Form der Gemeinschaft! Was für eine widerliche Kunstform der Geselligkeit! die glaubt, einen Sinn zu teilen! und die Gesellschaft als eine Sinngemeinschaft zu verstehen, und die für Kommunikation hält, sich dauernd einen abwesenden Sinn mitzuteilen. Es gibt doch eine Gemeinschaft, die geht!

 

Wir müssen etwas dieser unbegrenzten Zukunft, mit der operiert wird, entgegensetzen! Eine offene Herkunft! Und nicht den Sinn, der verlorengegangen wäre, die Geburt, die Nation, sondern diese eine Vergangenheit gestern. Als wir uns kratzten und bissen, einfach deshalb um uns der Gegenwart unserer Körper und einer Geschichte der Gegenwart zu versichern, in der es keinen Ursprung gibt.

 

Ich hab zum ersten Mal eine Vergangenheit, die ich mit einer tiefen Sehnsucht verbinde. Das ist vielleicht meine Herkunft. Ich hab zum erstenmal etwas, an das ich mich erinnere, und das mich hervorgebracht hat und das ist weder Mutter, noch Nation, das ist auch keine Ausbildung, das ist eine Nutte wie du.

 

Und d a komm ich vielleicht her, und nicht von dem und dem, von der und der Erzählung. (ev. RECLAM-Heftedusche ) Das wird ja auch nie offen gelegt, daß man eigentlich aus ERZÄHLUNGEN KOMMT! Die tun ja immer so, als würden sie sich damit beschäftigen, woher man kommt, aber man kommt ja von denen. Ob sich jemals jemand verliebt hätte, hätte er nicht von der Liebe reden hörn! Man wird ja sowieso aus einem Geist geborn und nicht aus einer Mutter! Aber dieser Geist sitzt dann eben auch am Sterbebett meiner Mutter und will dauernd daran festhalten, dass ich aus ihr komme, aber das tu ich ja nicht. Ich komme ja aus dem Geist, der mir das erzählen will. Und ich bin froh, wenn ich mir dieses Wesen, das da stirbt nicht als meine Mutter erzählen muß, als das Wesenhafte, sondern als Lebewesen, und sie wahrscheinlich auch, wie sie so daliegt. Sie will endlich was anderes sein. Etwas anderes als ein Melodram oder der Geist oder der Sinn. Sie will endlich ein Körper sein und als solcher auch wahrgenommen, und nicht versteckt. Ja, gut, die Szene in der ich vor meiner sterbenden Mutter sitze ist auch versteckt. Die findet in einem Krankenhaus statt, in dem die Körper nunmal versteckt werden. Aber jetzt hier in diesem Dämonenloch kann ich wenigstens sagen: Ich steh vor meiner sterbenden Mutter (vor jd. aus dem Publikum zum Stehen kommen) und sage ihr: Du kommst woanders her als ich dachte. Ich weiß ja auch nicht, warum man dich vom Markt genommen hat, obwohl du mir so geholfen hast, aber ich sage dir noch nie hast du mir so sehr geholfen wie in dem Moment als du gestorben bist, dass du da liegst, du Mutter, wer hätte das gedacht.

Wir müssen nicht zusammengerottet werden von nachvollziehbaren Erzählungen. Von gemeinschaftlichen Erzählungen, wo wir eh die meiste Zeit nichts teilen. Der Schmerz lässt sich nicht mitteilen. Und darauf müsste eine Sprache beruhen.

 

Ich habe zum ersten Mal eine Vergangenheit. Man wollte mir immer eine erzählen, woher ich komme, aber jetzt hab'  ich zum ersten mal eine Vergangenheit, die ich mit einer tiefen Sehnsucht verbinde, und das ist weder meine Mutter, keine Nation, das ist auch keine Ausbildung, das ist eine Nutte, wie Du.

 

Keine Natur, zu der ich zurück will, auch zu dir will ich gar nicht zurück, ich denke dich aber als meinen Ursprung. Aber das meint jetzt nicht einen übertragenen Sinn, Sinn schon gar nicht, sondern ich versuch es nur mit den Erzählungen in Verbindung zu bringen, die ich mir so als eine Herkunft erzählen soll, und da bist du das einzige Äquivalent dazu (Sonne kommt herunter), wenn das alles weggeworfen wurde von mir, woher ich komme. Und das konnte ich gottseidank, wegwerfen woher ich komme: Biologie, Natur, Leben. Wenn schon eine Geschichte, dann eine von klammern, stöhnen, von kratzen, von der Bestie, von, ohne die Schmerzwörter zu gebrauchen, von sitzen stehen liegen gehen, ja gehen. Aber nicht nebeneinander und nicht nebeneinander sitzen oder so was, nein, du bist das Äquivalent zu den Geschichten des Menschen u n d der Erde, zu den Verbindungen, die ich kappen will, Prince!!! zugunsten der Verbindungen, die nicht gehen. Du gehst nicht.

 

Maxi Fassung von Prince-God

 

(Sonne hoch mit Fabian, Bewegungen mit den Beinen)

Sonne Runter, Fabian holt die Sprays

Und besprüht sich; Körper, Unterhose

Dann Papa-Buch, Schild und Gesichtszüge und Schuh

 

Rollt nach hinten, rollt nach vorne, Gesichtszüge, Atem anhalten)

 

Wohin hat sich denn das Politische zurückgezogen?

Wenn sich das Politische und das Religiöse zurückgezogen haben, dann hat es sich auch aus dir zurückgezogen. Und dann muß man jetzt nicht so tun, als sei es immer noch hier.